St. Leonhard

(ein von mir August 2006 verfasster Text, der leicht aktualisiert wurde. Die ursprünglichen Links wurden entfernt. Den Text habe ich für Wikipedia verfasst. Der dortige Text wurde inzwischen mehrfach aktualisiert, siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/St._Leonhard_%28Braunschweig%29 )

Bilder von einem Spaziergang vermutlich 2012 wurden aktuell eingefügt.)

Wahrscheinlich bestand schon vor 1200 wurden an der heute noch bestehenden Kirche St. Leonhard in Braunschweig so genannte Leprose oder Siechen behandelt. Um das Siechenhaus, das von Beginen geleitet wurde, entstand im Laufe der Jahre ein gleichnamige Flecken bzw. ein Bleek.

Die Lepra war mit den Kreuzzügen nach Deutschland gekommen, in Deutschland entstanden meist außerhalb der Städte Siechenhäuser. Der Charakter und die Aufgaben der „Krankenhäuser“ im Flecken St. Leonhard verändert sich im Laufe ihres Bestehens.

  • Nach Abflauen der Lepra im Jahrhundert verlegte man sich unter anderen auf die Erziehung von Bürgertöchtern.
  • Im Bleek war ein Pockenhaus, dass zum Hospital Antonii und St. Christophori im Weichbild Hagen gehörte.
  • Wer „unrein“ oder mit „schwerer Krankheit des Spitals“ behaftet war, bekam „umsonst“ Plätze, wenn welche frei waren. Er musste nur Betten, Kleider und sonstigen Eigenbedarf mitbringen und eine „Collation“, eine Liebesmahlzeit zum Einstand ausrichten. Dafür konnte er sich das Geld auch leihen.
  • Ab 1680 wurden 2-3 Syphulluskranke behandelt. 1727 wurde ein Siechenhaus im ehemaligen Wohnhaus des Gastwirts Hans Mecke errichtet.
  • Tote musste gemeldet, Leichen auf Anforderung dem anatomischchirurgischen Institut ausgeliefert werden. (Vermutlich ab 18. Jahrhundert)
  • Es wurden so genannte Salvationsstuben errichtet und Salvationskuren angeboten. Die 1742 gegründete Armenkasse
  • 1813 wurde das Krankenhaus, 1841 oder 1842 werden die Armenhäuser bei St. Leonhard aufgelöst und das städtische Armenhaus, Goslarsche Straße 47 in Betrieb genommen. Das Gebäude in St. Leonhard wurde an der Gärtner Bäse auf dem Streitberg verkauft.
  • Nach Aufgabe des Siechenhauses (evtl. auch früher) kamen uneheliche Mütter zum Entbinden nach St. Leonard, als Väter wurde meist Soldaten angegeben. Uneheliche Mütter wurden nach einem Edikt von 1687 als Huren bezeichnet, sie mussten den „Hurenbruch“ zahlen oder wurden mit dem Hurenkarren zum Werkhaus gefahren und unter Polizeiaufsicht die Straßen kehren. Die Aufnahme in das 1767 gegründete Accouchiehaus an der Ecke Wendenstraße / Wilhemstraße (heute Gericht) brachte Straffreiheit, ob dies auch für St. Leonhard galt, ist nicht überliefert.
  • Da am Juni 1952 Knabenhof bei St. Leonhard“ sein100jähriges Jubiläum feiert, wurde er 1852 gegründet. Am 28. Juni 1954 wird das „Michelfelder Heim“ an der Georg Westermann-Allee (Kinderheim des Knabenhofes St. Leonhard) in Betrieb genommen. Benannt nach dem Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, dem Deutsch-Amerikaner Dr. Michelfelder. Gleichzeitig Benennung des Jugendwohnheimes von St. Leonhard als „Fritjof-Nansen-Heim“. Am 29. Januar 1960 erfolgt die Einweihung neuer Räume im Jugendwohnheim des Knabenhofes bei St. Leonhard („Fritjof-Nansen-Heim“). Auf dem Gelände ist heute die CJD Jugenddorf-Christophorusschule Braunschweig.
  • Am Juni 1852 wird eine Nähschule für Mädchen der „unteren Stände“ (= Rettungshaus) bei St. Leonhard vor dem Steintore eröffnet.

Zum Siechenhaus bzw. deren Nachfolgern und dem Bleek gehörten auch Wirtschaftbetriebe.

  • 1589 / 1590 entstand ein Gasthaus, ein Krug. Zum Krug gehörten ein Küchengarten, ein Hof und Äcker. Wolf-Dieter von Kurnatowski schreibt 1958 (also vor dem Bau des neuen Braunschweiger Hauptbanhofs am Bahnhofsgebäude der Campestraße, also wahrscheinlich am ehemaligen Ostbahnhof, dies muss noch mal recherchiert werden.
  • Das Hospital betrieb eine eine Windmühle, die aber nicht am Windmühlenberg stand, sondern an der vermutlich an der heutigen Ottmerstraße nördlich Viewegs Garten. eine weitere wurde dort ab 1580/1581 von St. Marien betrieben. Der Windmüller von St. Leonhard musste das Mehl für die Siechen umsonst mahlen. Die Windmüller wohnt zunächst neben der Kirche.
  • In unmittelbarer Nähe des Hospitals lag ein Ackerhof mit 68 Morgen Land, das bis 1580 von einem Ackermann bewirtschaftet wurde.
  • 1671 ist eine Bestätigung in der Schäferei des Hospitals St. Marien 1000 Schafe zu halten, die Schäferei lag in den derzeitigen Ruinen an der Ecke Leonhardplatz / Leonhardstraße gegenüber der Stadthalle. Hierher wurde späte das Braunschweiger Landgestüt
  • Es gab weiteren Grundbesitz auch weiter entfernt, in der Stadt gehörten Häuser und Renten dem Hospital.
  • Außerdem gehörte das zwischen Streitberg und Rautheim gelegene Siechenholz dem Siechenhaus. Zum Siechenholz gehörte auch der Mastbruch, der aber 1281 zu Riddagshausen Der Mastbruch gehört heute zum Stadtbezirk Braunschweig-Südstadt-Rautheim-Mascherode. 1757 und 1758 wurde für den Festungsbau Holz benötigt, diese wurde im Siechenholz gefällt. Da die Holzdiebstähle im Siechenholz zunahmen, wurde am nördlichen Rand des Siechenholz durch Georg Christian Sturm ein Forsthaus errichtet. Ein Bediensteter im Forsthaus begann in Eigeninitiave Getränke zu verkaufen, sehr zum Ärger des Wirtes vom Krug bei St. Leonhard (nun „Gasthaus zum goldenen Stern“ genannt). Der protestierte und erhielt die Konzession im Forsthaus. 1803 wurde das Siechenholz gefällt, Acker versprachen mehr Einnahmen. Das Fortsthaus wurde 1804 verkauft und abgerissen.
  • Am Siechenholz war der sogenannt „lütje Kamp“, ein Hopfengarten des Bürgermeister des Hagen Lüddeke Jüten und seine Erben.

Zu St. Leonhard gehörte auch eine Schule, damit wurde die turbulente Schulgeschichte des Stadtbezirk Vieweg Garten – Bebelhof begonnnen. Bis 1819 unterrichteten dort Hilflslehrer, danach wurde ausgebildete Pädagogen eingestellt. Die Hilfslehrer waren Handwerker mit geringen Einkommen. Das Einkommen an der Schule war vom Schulgeld abhängig. Da keine Schulpflicht bestand wurden nur die Kinder zur Schule geschickt, deren Eltern sich das Schulgeld leisten konnten. 1856 wurde die Schule nach einer Neuordnung geschlossen, die Kinder auf Schulen in der Stadt verteilt. Dies ist die erste Schulschließung im späteren Stadtbezirk Viewegs Garten – Bebelhof.

Bis zur Zerstörung und anschließend Wiederaufbau im 17. Jahrhundert lagen die Häuser des Bleeks westlich der Kirche am heutigen Leonhardsplatz. Nach dem Weideraufbau 1671 gab es auch im Norden und Osten der Kirche Häuser. Die Häuser wurden an Handwerker und Höker auf Lebenszeit „verkauft“. Es gab einige Straßen und einen Marktplatz. Auf dem Marktplatz fanden Jahr- und Viehmärkte statt. 1727 entstand ein Reihenhaus mit 11 Wohn- und Diensthäusern, im mittleren Haus mit Sonnenuhr wohnte der Windmüller. 1756 wurde auf Veranlassung des Herzogs ein Kreuförmige Allee angelegt. Andauernden Auseinandersetzungen zwischen dem Großen Waisenhaus und St. Aegidien über die gemeinsame Schäferei führten dazu, das St. Leonhard als Klostergut zu Stadt kam. 1856 kam die 210 Seelen umfassend Gemeinde zu St. Magni.

Bis zur Reformation gehörte St. Leonhard zu Halberstadt und stand in kirchlicher Hinsicht St. Aegidien. [[1529] – 1531 waren die ehemaligen Mönche Heinrich Lampe und Heinrich Ossenborn als Pastoren an St. Leonhard. Danach war dort nur noch ein Pfarrer an der Kirche, 1580 wurde Gemeinde mit St. Marien vereinigt.

In weltlicher Hinsicht wurden 2 Bürger vom Rat der Altstadt als Vormünder (auch Vorsteher oder Provisoren genannt) . Ein Vermögensverwalter zog von allen mit einem eigenen Haushalt oder einem eigenen Haus am Montag nach Marien (kein Hinweis welches Marien) einen Schoß von einem halben Taler ein und führte sie an der Rat der Altstadt ab.

Im 16. Jahrhundert und 17. Jahrhundert geriet St. Leonhardt in die kriegerichen Auseinandersetzungen zwischen der Stadt und den Herzögen, die Stadt zurückerbornen wollten. Heinrich der jüngere zerstörte die Windmühle und die zum Bleek gehörende Klus, die Beginen flüchteten zum Kloster St. Aegidien. 1559 wurde die Windmühle, 1567 das Siechenhaus neu gebaut und die Klus ausgebessert. 1605 /1606 griff Heinrich Julius an, seine Reiter plünderten die Kirche, zerstörten die Inneneinrichtung und spielten den Bewohnern des Siechehauses übel mit. Außerdem zerstörten sie das Getriebe der Mühle. 1615 fiel Friedrich Ulrich ein. Bis 1621 konnte die Kirche nicht benutzt werden, die Klus wurde nicht wieder aufgebaut. Auch die Verteidiger der Stadt nahmen an der Zerstörung teil. Die Häuser am Markt wurden angezündet. Erst nachdem die Herzöge Braunschweig eingenommen hatten, wurde das Bleek wieder aufgebaut, als erstes das Wirtshaus 1675. Das Armenwesen wurde neu geordnet, St. Leonhard kam zum Marienhospital.

Die Kirche wurde in Ihrer Geschichte mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Der Aufbau nach den kriegerischen Auseinandersetzungen dauerte von 1672 bis 1679, ein Schild über dem (ehemaligen?) Eingang trägt die Auschrift „Renvotuim“ 1679. Im Oktober 1856 wurde der Abriß der Kirche durch Stadtbaumeister Tappe verhindert. Im Dezember 1947 ist die Einweihung der Leonhardskapelle als Kirche für die (anthroposophische) Christengemeinschaft am 2. Advent. Die Eröffnungsfeier findet am Sonnabend, dem 05. Dezember. (Die Christengemeinschaft 20. Jahrgang, 1948, H. 1 u. 2, S. 43). Im Juni 1949 erfolgt die Wiederherstellung der Leonhardskapelle als Kirche der Christengemeinschaft durch Prof. Thulesius. Vom 3. Dezember bis 5. Dezember 1954 findet eineFeier der „Christengemeinde“ nach erfolgter Restaurierung der Deckenmalereien aus dem 12. bis 17. Jahrhundert im Chor und im Schiff der Leonhardkapelle statt.

Ab Mitte des 19. Jahrhundert wächst der Flecken St. Leonhard allmählich mit der Stadt Braunschweig zusammen. Die Leonhardstraße, Körnerstraße und die Gerstäcker Straße sind einige der ersten Straßen, die die Verbindung zur Stadt und zum westlich von Viewegs Garten entstehenden Wohngebiet auf dem Krähenfeld bilden. Aber auch das Siechenholz im Südosten das Stadtbezirks entwickelt sich. Am 1. Oktober 1887 wird der Zentralfriedhof (später Braunschweig Hauptfriedhof) eingeweiht. Südlich der Bahnlinie nach Helmstedt und des Ostbahnhofs ensteht ein Industriegebiet und die Ackerstraße. Das Wohngebiet kann sich aber zwischen Industrie, Bahnhöfen und Hauptfriedhof nicht richtig ausdehnen. Auf dem Streitberg ensteht die Brauerei Streitberg.

1889 wird der ehemalige Schafstall, nun Wirtschaftshof des Klosterguts zum Braunschweiger Landgestüt und verbleibt hier bis 1934. Später zieht hier die Polizei ein.

Große Veränderungen erfolgen auch im Zusammenhang der Neubauten des Braunschweiger Hauptbahnhofs und der Braunschweiger Stadthalle.

Als Gebietsbezeichnung ist St. Leonhard heute völlig verschwunden, das Gebiet des ehemaligen Bleeks liegt heute wohl überwiegend im Stadtbezirk Braunschweig-Viewegs Garten-Bebelhof, einige Bereiche im Braunschweig-Östliches Ringgebiet

 

Literatur

  • Wolf-Dietrich von Kurnatowski: Leonhard vor Braunschweig. Geschichte des Siechenhospitals, der Kirche und des Wirtschaftshofes, in: Braunschweiger Werkstücke, Band 23, Braunschweig 1958

 

Web-Links

[Stadt Braunschweig, Stadtarchiv

http://www.braunschweig.de/leben/stadtplanung_bauen/denkmalschutz/projekte/st_leonhard.html)